23. Dezember

2019.

Leck mich am Aaadamsapfel.
Was für ein Jahr.
Started bad and got worse.

Zuerst die Schwangerschaft, die dich immer weiter auf die Couch gezwungen hat. 🙁
Ich hab das “warum” überhaupt nicht verstanden und selbst Mick hat mitbekommen das du nur dort bist.

 

Dann im Juni der Blasensprung. Plötzlich. Viel zu früh. Ich bin noch im Halbschlaf und du stehst vor mir, voller Sorge und sagst nur “das ist viel zu früh!”. Immer wieder. Die Couch nass, der Boden nass. Ich besorge Handtücher von oben, lege sie in den Wagen und wir fahren nach Oberhausen ins EKO.

Mick sitzt hinten, weiß nicht was los ist. Wir gehen ins Krankenhaus und im Kreißsaal muss ich dich alleine lassen um Mick zur KiTa zu fahren.

Das hab ich irgendwie geschafft, war aber gedanklich mehr bei dir als beim Verkehr oder bei Mick.

Ich komme zurück in den Kreißsaal und du liegst angeschlossen auf einer Liege. Ich merke wie sich mein Magen verkrampft.

Die Schwester und eine Ärztin kommen rein und machen einen Ultraschall.

“Hm”, “Blablabla”, “Blablabla” – äääh was ist los?

“Wissen wir noch nicht, aber der Ultraschall zeigt bei ihrer Tochter was an, dass da nicht hingehört”

Schlag in den Magen. Meine Hände kribbeln und ich fange an zu schwitzen. Moment mal, ich bin für so einen Quatsch doch nicht die Zielgruppe. Das passiert doch immer nur anderen Menschen. Die gucken bestimmt gleich nach alles ist gut.

Nach einiger Zeit kommt die Ärztin wieder rein. Die Schwester hat Zettel dabei.

“Wir fahren ihre Frau rüber, wir machen einen Notkaiserschnitt – die Werte sind schlecht und ja. Unterschreiben Sie bitte alles!”

Schlag ins Gesicht. Nein. Moment. Was? Stift, ja, ausfüllen, okay. Geburtstag der Frau… WAS?! Ich meine… WAS?! Ich bekomme kaum noch Luft.

Im nächsten Moment wirst du im Bett rausgeschoben und wir laufen in Richtung OP. Die Ärztin erwähnt, dass ich mit in den Operationssaal darf, wenn ich möchte, und ich nicke.

Ich werde gebeten vor dem OP zu warten während alles vorbereitet wird. Eine gute halbe Stunde laufe ich auf und ab und versuche jemanden zu erwischen der aus dem Saal kommt. Aber es kommt keiner. Nach einer Dreiviertelstunde kommt eine Schwester und zeigt mir, wo ich mich umziehen kann. Grüner Kasack, grüne Hose, Häubchen, Maske, Handschuhe und grüne Crocs. So schnell war ich noch nie umgezogen.

Danach wird mir klar, ich hätte mir Zeit lassen können. Ich sitze weitere 20 Minuten vor dem OP, mache mir Sorgen, ich weiß nicht wie es dir und Palina geht und kämpfe mit den Tränen.

Schließlich kommt jemand und ich darf zu dir. Es stehen grob sechs Leute um das Bett herum. Unter deinem Kopf hängt ein Sichtschutz und neben dir sitzt die Anästhesistin. Ich bekomme einen kleinen Stuhl und darf mich neben dich setzen. Mein Hals schnürt sich zu als ich dich sehe. Du stehst leicht neben dir durch die Medikamente und erkennst mich erstmal gar nicht.

Der Arzt prüft mit dem Skalpell ob die Betäubung funktioniert… Nope.
Die Anästhesistin schiebt nochmal von dem guten Zeug nach.
Der Arzt prüft erneut, wieder mit Skalpell… Nope.
Der OP-Tisch wird schräg eingestellt, damit sich das Mittel besser verteilt.
Der Arzt prüft erneut, diesmal mit Skalpell… Nope.

Ich bin emotional am Ende, du wirst geschnitten, merkst alles und nichts funktioniert. Der Arzt entscheidet eine Vollnarkose und ich werde gebeten den OP zu verlassen. Nach grob 3 Minuten die ich drin war.

Also stehe ich wieder vor dem OP und warte. Und warte. Man hört nichts, keiner kommt, ich bin alleine und völlig am Ende.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt eine Schwester raus, unterhält sich kurz mit mir und dann darf ich wieder rein.

Auf einem kleinen Tisch, der sich später als offener Inkubator herausstellt, liegt ein kleines Wesen umringt von Schwestern. Im Nachbarraum wirst du gerade zugenäht. Ich bekomme eine kleine Schere in die Hand und darf die Nabelschnur durchtrennen. Ich weiß nicht wie es Palina geht, noch wie es dir geht. Die Schwestern schließen an dem zwei-Hand-voll-Mensch alle Geräte an. Eine Schwester hat eine Atemhilfe mit der unser Kind beatmet wird. Ich kann immer noch nicht begreifen was hier passiert.

Palina wird herausgefahren und ich laufe schnell in den Umkleideraum um die grünen Sachen loszuwerden und mich wieder anzuziehen. Eher nebenbei erfahre ich von der Schwester wo Palina hingefahren wird.

Ich gehe zum Aufzug und fahre zur Neonatologie. Ich ziehe an der Tür und stelle fest: geschlossen. Also klingel ich und werde reingelassen. Eine Schwester kommt zu mir und bittet mich im Wartezimmer Platz zu nehmen. Ich bleibe im Flur. Laufe auf und ab.

Nach einer gefühlten Ewigkeit darf ich in den Raum mit dem Inkubator.

Ich unterhalte mich mit den Schwestern und werde dann alleine gelassen.

Ich schau mir das kleine Ding im Inkubator an. Nach einer Handdesinfektion öffne ich eine kleine Tür und ergreife die kleine Hand. Der Körper wird durch den Beatmungsschlauch am Leben erhalten. Der kleine Brustkorb bewegt sich im Takt auf und ab. Der Monitor piepst und ich weine.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schliesse ich die kleine Tür und gehe nach oben auf die Station, wo du inzwischen eingetroffen bist.

Du liegst im Bett und spürst deine Beine nicht. Ich helfe dir zu trinken und ne Kleinigkeit zu essen.
Drei Sekunden später erbrichst du alles wieder in die Schale die ich dir unter dein Kinn halte.

Danach bekomme ich die Abläufe nicht mehr ganz in Reihe. Ich weiß, dass ich dich im Rollstuhl zu Palina gefahren habe und wir beide am Inkubator geweint haben. Danach hab ich dich zurück auf dein Zimmer gefahren.

Ich weiß noch, dass ich irgendwann nach Hause gefahren bin. Beim Verlassen des Krankenhauses, auch die nächsten Tage, hab ich immer mit den Tränen gekämpft. Palini alleine zu lassen und dich war bis dahin das Schlimmste.

Das soll erstmal reichen für heute.

Anbei noch ein paar Fotos von den ersten zwei Wochen.

Wir haben die Zeit, meines Erachtens, gut durchgestanden. Du warst mir immer eine Stütze, wenn ich gedacht habe es geht nicht mehr. Andersherum hoffe ich auch.

Ich liebe dich!